Stiftung Buchkunst stellt vor | Juni



»Die schönsten deutschen Bücher« 2016


Wenn aus einem mehr als 70 Jahre alten Buch eine solche Graphic Novel wird, ist klar: Dieser Stoff ist aktuell wie eh und je. Der Illustrator Jakob Hinrichs hat sich den wohl persönlichsten Roman von Hans Fallada, den „Trinker“ vorgeknöpft und grandios in Szene gesetzt. Fallada verfasste das Werk 1944 heimlich im Gefängnis und erzählt seinen rasanten Abstieg vom erfolgreichen Lebensmittelgrossisten zum realitätsverleugnenden Alkoholabhängigen.

Jakob Hinrichs
Hans Fallada: Der Trinker
Walde+Graf bei Metrolit Verlag, Berlin

Eine Graphic Novel. Der vornehme Ausdruck bestätigt den künstlerischen Rang eines Mediums, das jahrzehntelang im Verdacht stand, die Kinder von gescheiter Bücherbildung abzuhalten. Dieser Comic belegt, dass auch Bildergeschichten von litarischer Qualität sein können. Und er führt eindrücklich das für dieses Bildmedium charakteristische Gestaltungsmittel vor Augen: die Sequenzierung durch Panels – das heißt, die nichtlineare Inszenierung des Geschehens in mehreren Bildern auf einer Seite.

Ein Beispiel dafür ist die Seite 97, auf der die Hauptfigur im Vollrausch halluziniert. Neun gleichgroße Panels fungieren gleichzeitig als Multiscreen, als Splitscreen, als filmisch geschnittene Einstellungen und als Gesamtbild, das durch panelübergreifende diagonale Zackenrisse entsteht – ein wörtlich ins Bild gesetzter Filmriss.

Kräftige Pinselzeichnungen sind flächig in vierfarbigem Druck koloriert – jedoch nicht im Standard von Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz, sondern in vier Sonderfarben als deren Stellvertreter. So definiert der Zeichner auf kreidiger Farbpalette regelrechte Stimmungsregister, die er so einsetzt, wie in frühen Stummfilmen die szenischen Grundemotionen in Farben codiert wurden.

Ein weiteres Beispiel seiner ikonografischen Bewanderung: das Bildzitat des Pointillisten George Seurat.

Die schönsten deutschen Bücher 2016 // Vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung // Prämiert von einer unabhängigen Jury



Der Wettbewerb »Die schönsten deutschen Bücher« geht zurück auf das Jahr 1929 und ist damit einer der ersten Wettbewerbe der Branche. Ins Leben gerufen vor dem Hintergrund der Industrialisierung der Buchproduktion und mit dem Ziel, Buchgestaltung und -herstellung zu fördern, kommt dem Wettbewerb im Zeitalter der Digitalisierung eine neue Bedeutung zu. Nicht wenige Branchenteilnehmer sehen die Zukunft des gedruckten Buches inzwischen an dessen stofflich-sinnliche Qualität gebunden.



Aus 788 Einreichungen wählten zwei Fachjurys in tagelanger Detailsicht die 25 Schönsten aus. Die Jurys rotieren. Die Erste Jury setzt sich aus sieben Experten zusammen, die Zweite Jury aus sieben Gestaltungs- und Herstellungs-Profis. Die prämierten Bücher zeigen eine große Bandbreite gestalterischer und herstellerischer Möglichkeiten, jedoch berücksichtigt die Auswahl auch das leisere, solide gemachte Lesebuch.

Bücher, die Zeichen setzen und wichtige Trends und Strömungen des Buchmarkts aufzeigen. Die Stiftung Buchkunst stellt hier einige dieser ausgezeichneten Bücher vor.

Fotos: © Christian Doeller, Weimar (www.christiandoeller.de)