Christian Politsch

Architekt

Wien war und ist für mich tatsächlich die gelebte europäische Schnittstelle zwischen Ost und West, dem präzisen Norden und sinnlichen Süden, zwischen historischer Bedeutung und einem durchaus angenehmen, gegenwärtigen Zurücklehnen, zwischen neuer und alter, kultureller und intellektueller Genialität und einem, oft auch durchaus zehrenden, schlampigen Wahn. Die weiche Wucht, mit der Wien täglich diese zugelassenen Widersprüchlichkeiten und Überlagerungen lebt, macht diese alte, neue Stadt menschlich, zugleich sehr lebenswert und nicht zuletzt zu einem aktivierenden Ausgangspunkt für meine Arbeit.

Meine Empfehlungen

  • StadtschriftJede Stadt hat eine eigene Handschrift. Gefühlt und buchstäblich. Was an Schriftzügen so jahrhundertelang an Häuserwänden und Geschäftsportalen in Wien appliziert, gepinselt, angeschraubt wurde, ist und war von identitätsstiftender Bedeutung. Diese Zeitzeichen vor der Verschrottung zu bewahren, zu sammeln und der Öffentlichkeit zugänglich machen hat sich dankenswerterweise der Verein Stadtschrift gewidmet. Rettet die Buchstaben!
  • Berger und LohnJetzt lobe ich einfach mal etwas, das es noch gar nicht gibt, und zwar lobe ich hier im eiligen Voraus das neue Restaurant von Horst Scheuerer, Ex- Skopik und Lohn, in der Gentzgasse 127. Es hat noch nicht geöffnet, aber bald, und es kann nur wieder ein einzigartiger, hochintensiver und stimmungsvoller Ort der souveränen Gastfreundschaft und der hohen Schule der subtilen Wiener Gastronomie werden, eine hochpotente Melange aus Raum, Kulinarik und Persönlichkeit.
  • Das kleine ParadiesWenn ich dann doch für das Paradies im Himmel vorgesehen sein sollte, dann möge es bitte so grandios individualistisch, detailverliebt, entspannt und gleichzeitig prachtvoll aussehen, das Essen dort genauso vorzüglich und überraschend munden und der Ort genauso gastfreundlich sein wie das neue Restaurant von Michi Klein und Eschi Fiege „Das kleine Paradies“, das sein Zuhause in einem ehemaligen Josefstädter Büromaschinengeschäft aus der Kaiserzeit gefunden hat.
  • Helga Pirker Massage Helga schwimmt für Ihr Leben gern, sie hat die österreichische Ski Free Style Frauennationalmannschaft massiert und jetzt massiert sie mich und andere, die ihre kleine versteckte Praxis in der Vorstadt finden. Mit Kärntner Herzlichkeit und gewissenhaft erfahrenen, kräftigen Händen, fast immer gnadenlos direkt am Punkt des Übels, entsteigt der verspannte Mensch als ein ganz anderer der medizinischen Liege, in dem winzigen Zimmer der Frau Pirker und dies sicherlich um ein paar sehr nützliche Lebensweisheiten reicher.
  • Hotel SO/ Vienna5-Sterne-Hotel, neugestaltet von Gregor Eichinger und mir. 186 Zimmer und Suiten mit einem der besten Blicke über Wien. Ursprünglich wurde das gesamte Haus vom Architekten Jean Nouvel gestaltet. Beim Redesign wurde von uns großer Wert darauf gelegt, Nouvels grundsätzliche Überlegungen nicht zu überlagern, aber dem Haus zusätzlich einen subtilen Wiener Geist und eine lokale Verortung mitzugeben. Küss die Hand und au revoir.
  • IndieDer Shop von Praline LeMoult und Harri Cherkoori ist eine schwarze, dunkle Schönheit und damit die geniale Basis und Passepartout für den Verkauf der herrlichen bunten und musterstarken Modekollektionen von Praline. Gestaltet hat den wunderschönen Laden, gleich hinter dem Stephansdom, kein geringerer als Carl Auböck, und das schon im Jahr 1970.
  • Julius Meinl am GrabenWenn eine Definition von Luxus ist, dass Zeit ein Faktor ist, mit dem im Luxusfall verschwenderisch umgegangen werden darf, dann versprüht Julius Meinl am Graben puren Luxus. Widersetzt sich das Haus doch vielen Regeln des kommerziellen Handels und beherbergt doch so viele Feinheiten und Besonderheiten, die gefunden werden wollen. Der Raum, in dem dies alles zu erleben ist, ist ein magischer Ort der Wiener Seele, hintergründig professionell, qualitätsbewusst, traditionell, sinnlich, ein wenig vermeintlich verworren, nicht vordergründig zielstrebig, sehr erfolgreich – und das mitten im Herzen der Altstadt.
  • MochiEs ist schon fast ein Klassiker und auch schon oft und sehr gelobt. Aber Toby, Eddi und Crew machen eine hervorragende japanische Küche mit internationalem Tuning. Quirlig, lebendig und freundlich-freundschaftlich isst man wie bei guten Freunden, die in ihrer Küche für dich kochen. Und genauso eng ist es dort dann auch.
  • Neuwaldegger BadSeit 1925 existiert dieses Freibad am Waldrand in Wien und hat sich seitdem kaum verändert. Die originale Holzarchitektur ist typisch für die großartige Bäderkultur, um und nach der Jahrhundertwende, im Wiener Raum. In Kombination mit der Ruhe und Entspanntheit des Ortes und der Besucher ein schöner Badeausflug.
  • Schön scharfDas Wiener Thailand liegt sehr klein und sehr versteckt am Laurenzerberg im 1.Bezirk.Hier gibt es das beste und authentischste thailändische Essen außerhalb von Bangkok. Viel Platz ist nicht im winzigen Imbiss, aber dafür ist der Raum, den die exakte, schöne Schärfe der Gerichte für die Geschmacksnerven öffnet, umso größer und umso intensiver.
  • StomachWenn Gastronomie authentisch sein kann, dann ist sie es hier. Traditionell und modern, dabei weder folkloristisch noch touristisch und doch referiert sie auf die „Geschichte“ der Wiener und Steirischen Küche, in einem wohltuend rudimentären Setting, bei dem man sich wie auf einem leichten Landausflug fühlt. Starker Ort und hervorragende Gerichte werden eins.
  • SüsswasserIm ehemaligen Expedit der Notendruckerei von Franz Lehar in der Theobaldgasse, hat sich der Fisch und Fleisch „Feinerie-Feinkostladen“, in dem man auch hervorragend essen kann, ein unkompliziertes Zuhause geschaffen. Es ist schön zu sehen und zu schmecken, was alles aus den heimischen Fischen kulinarisch entstehen kann und wie rund um das Thema Fisch eine gastronomische Bespielung der Erdgeschosszonen in einem Gründerzeitviertel absolut glücken kann.
  • Wittmann MöbelwerkstättenSeit 1896 werden hier Möbel in souveräner Zurückhaltung im Design und einem traditionellen Wiener Einschlag, der es nie vergisst, sich stetig mit der Zeit weiterzuentwickeln, geformt und produziert. Handwerkliche Intelligenz, gepaart mit einem Gespür für Zeitlosigkeit bestimmen die realisierten Entwürfe unter anderem von dem von mir hochverehrten Architekten Johannes Spalt, aber auch vielen anderen hochkarätigen Gestaltern wie Paolo Piva, Jean Nouvel, Adolf Krischanitz und vielen mehr.