Dieter Zimmermann

Regisseur

zimmermannfilm/studio z

Die Sichtbarkeit der Stadt hat der Regisseur Dieter Zimmermann in vielen Formaten für den SWR realisiert. Die beim Filmen entstandenen Unebenheiten bei der Behandlung seiner Filmporträts hat Zimmermann immer auch im eigenen und eigensinnigen Zusammenspiel, in der kreativen Fülle einer Auseinandersetzung mit seinem Lebensraum Stuttgart, gesehen. Die genaue Aufmerksamkeit für die Beobachtung der Menschen, der Gegenstände, hatte er sich bereits beim Studium der visuellen Kommunikation angeeignet. Die „Aka“, die Staatliche Akademie der bildenden Künste, jene Kaderschmiede hoch auf dem Killesberg, an der Prof. Kurt Weidemann dem damals oberlippenbärtigen Leptosomen als erste Disziplin das Design im Fernsehen verschrieb, war Startplatz vieler seiner späteren Dreh- und Schauorte. Ob auf den Hip-Hop-Fersen der „Fantas“ oder mit der Kamera dem Spitzenschuh des Stuttgarter Balletts hinterher, der Visualisierung des geschriebenen Originals der Literaturmuseen Marbachs verschrieben oder auf den wilden Spuren der Junior-Ranger im Schwarzwälder Nationalpark – immer war und ist es: Bilder-Fangen.

„Heute jage ich Bilder in den Zonen von Bewegung und Stillstand.“ Medienkünstler Zimmermann nennt es „Screenografien“.

Meine Empfehlungen

  • Die Literaturmuseen MarbachDie Zerlegung von literarischen Fundstücken – wie man sie zerlegt, wie man sie umdeutet und neu schreibt, wie man zum Text die Bilder dafür findet – das ist für mich die fortwährende Unikat-Frage, immer dann, wenn mich die Leiterin der Marbacher Literaturmuseen, Heike Gfrereis, fragt, ob ich mal wieder Lust hätte. Lust auf Sinneschärfen, Sichaufregen bei der Suche, beim Verwerfen, beim unerwarteten Wiederfinden von vergrabenen Ideen in meinem Filmschatz-Giftschrank. Wunderbar wandelbar sind auch die kreativen Strapazen beim Anfangen, immer wieder auf Neben- und Abwegen den Fortgang finden, das Gespür für den Hauptweg, den Plot der filmischen Aneignungen von Literatur. Wo hoch über dem Neckar das „LiMo“, das Literaturmuseum der Moderne, den Blick weit ins Kulturland erlaubt, da kehrt der Blick nach innen. Die Innenräume beherbergen das Gewissen deutschsprachiger Literatur. Lichtgedimmt, bei konstant 18 Grad, liegen im Schiller-Nationalmuseum die Originalschriften unserer Dichter. Im Chipperfield-Bau sind Gottfried Benns „Blaue Worte“ Teil einer Ausstellung. Für alle, die Lust auf mehr Blau, mehr Poesie haben: einfach mal blau machen und nach Marbach fahren!
  • Fernsehturm und Timo BrunkeDer Stuttgarter Slam-Poet Timo Brunke schlägt seine Stuttgarter Gefühle in folgende Worte: „Sieh über Stuttgart dort es dunkeln, mon amour! So lass uns warten auf der Lichter funkeln, mon amour! In Stuttgarts Talgrund weht hinab der Wind. Von Norden, Kräherwald und Feuerbacher Flur. Der schöne schlanke Turm dort drüben, wie er sich schmückt, wie Harlekin mit roten Leuchten an einer Schnur.“ Timo Brunkes Fernsehturm ist auch mein Leuchtturm. „Wer will des Zeigers Schweifen sich erwehren stur? Sein Lichtstrahl ist der zärtlichste der Rhythmen mir.“
  • Heslacher Weinstube und die U14Den Rhythmus des Bihlplatzes in Heslach bestimmt der 14er (U14). Sitzt man bei abendlichen Maultaschen, mit Zwiebeln geschmelzt, draußen, im Windschatten der Fallwinde aus Kaltental, so hört man im letzten Licht zuerst ein Surren, dann ein Brummen, gefolgt von einem Zittern, das in einem crescendoartigen Beben und Dröhnen gipfelt. Der gelbe 14er aus Remseck verschreckt und versöhnt gleichzeitig. Denn er fährt quasi über meinen Kartoffelsalat mit Soß’. Ohne ihn zu berühren. Ist aber beim nächsten Biss in das Tagesgericht auch schon wieder weg. Der 14er verschwindet singend-surrend in Richtung Vaihingen. Der Sound des Südens kehrt jedoch pünktlich zurück. Wie viele Erwartungen hat dieser 14er im Zehn-Minuten-Takt schon weggefahren, wie wenig Sehnsüchte erfüllt? Sei’s drum. Aus geschütztem Unterschlupf bestellen wir einen weiteren Trollinger. Wir genießen den lauen Abend, erwärmen uns am freundlichen Service der Heslacher Weinstube und warten auf den nächsten 14er.
  • Hinterland Mauserstraße„Wo Gedanken im Wind verwehn und die Zeit scheinbar nie vergeht, geliebtes Hinterland! Willkommen im Hinterland!“ Das Songwriting von Casper (Four Music Productions) ist der perfekte Soundtrack für einen Kameraschwenk. Entlang der S-Bahn-Linie bildet eine lang gezogene Kulisse die skurrile Ausstattung für mein Lieblings-Hinterland „Klein-Istanbul“. Graffiti, Brach und Gärten der Poesie, Wald mit Kühlschränken, Zubringer, Benzinpreis und Döner, geliebtes Garagen-und- Hochzeitskleider-Land. Das ist die perfekte Wucherung für einen Unort, der mich immer wieder fasziniert. In der Mauserstraße schlägt das multikulturelle Herz des Viertels im Zwischenland von Feuerbach und Zuffenhausen. Sale-out für alles Füllmaterial, das ich nicht bin? Vergiss das Vorderland! Das hier ist ganz schön okay. Schiefes „Süpermarket“ und doch schön!
  • KillesberghöheMomente von der Brache bis zur Fertigstellung rund um einen Quartiersplatz gestalten vier renommierte Architekturbüros. Wo bis in die Zwanziger roter Sandstein abgebaut wurde und Schrebergärten einst der Reichsgartenschau weichen mussten, wo zum Box-idol Bubi Scholz die Massen strömten, kam 2007 für die Messehallen die Abrissbirne. Inspiriert durch die benachbarte Weißenhofsiedlung entsteht 2010 „Die Killesberghöhe“. Mein Film zeigt das Werden von der Baustelle zur weißen Stadt. Wo schwielige albanische Arbeiterhände und polnische Kranfahrer den Bau aus dem Dreck nach oben wachsen lassen, gräbt der Estrich Furchen in den sensiblen Spitzenschuh.
  • Scholz am ParkIm Innenraum von „Scholz am Park“ tanzten 2012 Solisten des Stuttgarter Balletts die Bau-Choreografie „Der Arbeiter, der Architekt und seine Muse“. Was damals Filmkulisse war, nennt sich heute „Scholz am Park“. Auch eine kleine Geschichte über Brachland und seine kulinarische Eroberung.
  • Tabacum und das MahdentalBeim Anzünden der „Mythos der Solitude“ umweht preisgekrönter Costa-Rica-Zigarren-duft Nase und Gemüt. Der Eckladen von Siegfried Schäuble am Stuttgarter Hölderlinplatz ist in Kennerkreisen Stuttgarts die erste Adresse für stilvollen Zigarrengenuss. Rauch-Sekunden der Erinnerung an die legendären Solitude-Motorrad-Rennen der Sechziger nehmen im Tabakdunst der „Mythos Solitude“ Gestalt an: Werner Haas auf der vollverkleideten NSU Sport-Max, die Lautsprecherstimme von Rainer Günzler, die Legende Walter Zeller in Schräglage mit der legendären Boxer-BMW durchs Mahdental, das vergilbte Schwarz-Weiß-Foto mit meinem Vater am MCS-Start-und-Ziel-Haus. Der Geruch nach Castrol, Erinnerungen an gelbes Sinalco, historische Strohballen und billigem Senf verfliegen. Sie verlassen mich im blauen Dunst der Mythos-Solitude-Zigarre von Siegfried Schäuble.