Elke Delugan-Meissl

Architektin

Ich lebe seit über 30 Jahren in Wien. Da ich beruflich sehr viel unterwegs bin und mit großem Vergnügen fremde Städte erkunde, habe ich genug Vergleichsmöglichkeiten und dabei festgestellt, dass ich immer wieder gerne nach Wien zurückkomme.

Wien hat einfach eine gute Größe, ein enorm reichhaltiges kulturelles Angebot und eine wunderbare Umgebung. Es ist heute kaum noch vorstellbar, wie grau und tot Wien noch Anfang der 1980er-Jahre war. Gleichzeitig gab es immer eine vitale kreative Szene, die sich mit diesem Status nicht abfinden, sondern ihn verändern wollte und dabei ziemlich erfolgreich war, wie ich finde. Die Stadt verfügt traditionell und zum Glück bis heute über einen reichen kulturellen Humus, in dem wir uns gerne bewegen. Wenn wir also für unsere Projekte inspirierte Mitstreiter aus anderen Disziplinen suchen, so werden wir hier leicht fündig. Man muss in Wien immer ein bisschen aufpassen, dass einen die zweifellos vorhandene hohe Lebensqualität nicht einlullt oder sanft erschlägt.

Meine Empfehlungen

  • Evelin KupferBertram K ist seit 20 Jahren der Mann meines Vertrauens in Sachen Haarmode und Grooming. Ich denke, allein diese Tatsache spricht für sich. Über einen langen Zeitraum konstant innovativ zu bleiben ist ein Kunststück, das nicht vielen gelingt. Bertram aber gehört zu diesen Ausnahmen. Obwohl es vielleicht gar nicht stimmt, fühle ich mich von ihm immer bevorzugt behandelt und in seinem großzügigen, geschützt im Innenhof gelegenen Studio sehr wohl. Ich mag seine klare, schnörkellose Linie und die Perfektion, mit der er sie umsetzt. Ich möchte das nicht überstrapazieren, aber hier gibt es natürlich Parallelen zu unserer Architektur. In beiden Disziplinen ist der Schnitt extrem wichtig und verzeiht keinen Fehler.
  • Alexandra PallaBloggerin, Köchin, Modedesignerin, Autorin, Agenturgründerin, verhinderte Fleischhauerin: Alexandra Palla ist so vielseitig, dass man leicht den Überblick verliert. Es gibt aber einen gemeinsamen Nenner all ihrer Aktivitäten, und das ist ihr Engagement für einen vernünftigen, nachhaltigen Lebensstil. Ich sympathisiere sehr mit dieser Haltung, aber auch mit ihrem undogmatischen Pragmatismus, wenn es um die Umsetzung geht. Ich komme immer gerne zu den Events in ihrem „Rough Cut Studio“, nicht nur wegen der kulinarischen Überraschungen, sondern weil Alexandra Palla es schafft, Leute aus ganz verschiedenen „walks of life“ zusammenzubringen, die sich sonst nie treffen würden.
  • Anna Jeller BuchhandlungDiese Buchhandlung liegt ums Eck und ist unsere Antwort auf Amazon, indem wir alle Bücher, die wir privat oder fürs Büro benötigen, dort kaufen bzw. bestellen. Anna Jeller ist ein freier Geist und eine tatkräftige Unternehmerin, die die Chuzpe hatte, neben der Buchhandlung auch noch einen kleinen, feinen literarischen Verlag zu gründen. Ich finde, dieser Mut gehört honoriert. Abgesehen davon ist es einfach ein viel größeres Vergnügen, sich in diesem angenehmen Raum aufzuhalten und sich vom ausgesuchten Sortiment und der kenntnisreichen Betreiberin inspirieren zu lassen, als einsam vor dem Computer oder Handy zu sitzen, um seitenweise anonyme Bücherlisten herunterzuscrollen.
  • Babette’s Spice & Books for CooksBabette heißt eigentlich Nathalie Pernstich, und sie betreibt seit bald 20 Jahren eine auf Kochbücher spezialisierte Buchhandlung, die für die „foodies“ der Stadt längst eine Institution geworden ist. Trotzdem hat sie nie aufgehört, sich weiterzuentwickeln: Bei Babette’s gibt es längst auch großartige Mittagsmenüs und Gewürze aus aller Welt. Der Ort ist angenehm „low key“: Man kann ungestört schmökern, aber auch leicht ins Gespräch kommen mit dem immer freundlichen, kompetenten Personal. Hier konnte ich etwa Yotam Ottolenghi entdecken, bevor ihn alle Welt entdeckt hat.
  • BlumenkraftDas Blumengeschäft von Christine Fink gehört zu den kreativen Hotspots in unserer näheren Umgebung und meinen Lieblingsorten in Wien. Der Raum ist allein durch seine sieben Meter Höhe beeindruckend, und man kann sich gar nicht vorstellen, dass hier vorher ein Küchenstudio mit niedrigen Zwischendecken und zahlreichen Wänden betrieben wurde. Gregor Eichinger hat diese Geisterbahn in einen großzügigen, hellen Raum verwandelt, der mehr an eine Galerie erinnert als an ein konventionelles Geschäft. Unkonventionell sind auch die Kreationen von Christine Fink, die mich in ihrer überraschenden Kombination immer begeistern. Das künstlerische Konzept des Ladens wird komplettiert durch regelmäßig wechselnde Ausstellungen mit Werken von Günter Parth, dem schlampigen Genie der österreichischen und internationalen Modefotografie.
  • Bruder – Küche und BarAuf den ersten Blick ist Bruder ein ganz unwienerisches Lokal: cool, funktional und beinahe ungemütlich. Ich finde diesen bewussten Bruch mit dem gewohnten Tonus befreiend und anregend. Bruder ist ein lässiger Ort, der beweist, dass sogar in Wien ein Leben jenseits vom Beisl und Café möglich ist. Die beiden Bereiche Küche und Bar sind räumlich getrennt, ebenso wie die Zuständigkeit der beiden Betreiber, die als Chef bzw. Bartender agieren. So kann man in einem Lokal zwei unterschiedliche räumliche Erfahrungen machen. Auch das finde ich großartig. Ebenso wie das Essen, das in seiner Ausrichtung und hohen Qualität dann doch anknüpft an die kulturelle Tradition, aber mit einem sehr eigenständigen Twist.
  • Cin CinHier ist Wien fast Mailand. Auf geschätzten 20 m2 treffen Anwälte in Anzügen und Bankerinnen im Kostüm auf Bohémiens und Studierende diverser Fachrichtungen sowie espressosüchtige Exil-Italiener, aber auch ganz normale Leute aus der Umgebung und erzeugen so auf kleinstem Raum eine Mischung, wie sie nur in wirklich funktionierenden, modernen Großstädten zu finden ist. Die Betreiberin Maria Fuchs ist sehr architekturaffin, weshalb es nicht verwundert, dass sie den Altmeister der kleinen Form, Hermann Czech, mit der Gestaltung der Bar beauftragt hat. Ihm ist ein jugendlich wirkendes, würdiges Alterswerk gelungen. Das kulinarische Angebot und der Kaffee sind ausgezeichnet, und die paar Takte Falco aus dem Album „Junge Römer“, die im Cin Cin Soundsystem regelmäßig zu hören sind, machen das Ganze perfekt.
  • KutschkermarktZum Glück gibt es in Wien noch zahlreiche Märkte, die alle recht unterschiedlichen Charakter besitzen. Auch wenn der Kutschkermarkt wegen seiner Apothekerpreise nicht für den Alltag ist, so leiste ich mir dennoch gerne ab und zu den Luxus, dort einzukaufen. Die Qualität des ausgesuchten Angebots ist wirklich hervorragend und die große Auswahl auf so kleinem Raum beeindruckend. Der Markt ist auch architektonisch interessant, da es zahlreiche Händler gibt, die versuchen, die Typologie des Marktstandes neu zu interpretieren. Ich denke da etwa an Hüseyin Tanis und dessen Stand „Weltmeister Kebab“ mit angeschlossenem, transparentem Minilokal. Der Name ist übrigens keine Übertreibung.
  • Luisa Wammes — Unsichtbares HandwerkAls Architektin habe ich größten Respekt vor Handwerkern, denn ohne ihr Wissen und Können wären wir schlichtweg aufgeschmissen. Das gilt in besonderen Maßen für die Tapeziermeisterin Luisa Wammes, die seit bald 20 Jahren eine Werkstatt für Polstermöbel und Stoffdekor betreibt. Das ist heroisch, denn leider gehen auch in Wien die Handwerksbetriebe tendenziell zurück. Wir sind ja auch im Bereich Interior Design tätig und entwerfen öfters Möbel, manche davon sind Unikate. Die könnten wir weder produzieren noch reparieren lassen, wenn es nicht Luisa Wammes gäbe, bei der selbst die kompliziertesten Aufträge in besten Händen sind.
  • Schönbergers Café BarAuch hierher komme ich fast jeden Tag, um eine kleine Pause zu machen und einen exzellenten Espresso zu trinken. Master Barista Jakob Gumpinger trägt diesen Titel absolut zu Recht und hat — ebenso wie seine Kollegen — immer einen guten Spruch. Die Atmosphäre ist locker und nicht museal, obwohl es sich bei diesem Espresso um eines der wenigen, komplett erhaltenen Einrichtungen aus den 1950er-Jahren in Wien handelt. Abgesehen vom stilechten Interieur besitzt das Lokal auch ein sehr gut gestaltetes Portal mit dem charakteristischen Schriftzug aus Alu-Lettern, das ich gerne betrachte, wenn ich im Sommer im Schanigarten sitze.