Karsten Thormaelen

Fotograf

Je länger man an ein und demselben Ort lebt, desto mehr verliert man den Blick für die Besonderheiten und Dinge, die einen einst dazu bewogen hatten, genau hier seine Lebensmittelpunkt zu suchen.

Ich lebte viele Jahre in Mainz und nun noch viel länger in Wiesbaden. In Mainz fühlte ich mich lange zu Hause, ich mochte die Leute, über die ein ehemaliger Ministerpräsident scherzhaft sagte, sie hätten „Bremsflüssigkeit im Blut“. Bescheiden, landschaftlich eher zurückhaltend, pragmatisch. Im krassen Gegensatz zum geradezu opulenten Wiesbaden, der schönen, sinnlichen Nachbarstadt, mit ihren prächtigen Patrizierhäusern entlang der „Ringe“ und den geradezu verboten schönen Wohnanlagen des Nerotals und an den Hängen der Sonnenberger Straße, eingebettet in die malerischen Ausläufer des vorderen Taunus. 

In Mainz fand ich echte Freunde, nachdenkliche, liebenswert verschrobene Philosophiestudenten, in Wiesbaden eher lebenslustige Freundinnen, die BWL, Sozialwesen oder Innenarchitektur studierten. Mainz hatte die „Schwellköpp“ des Karnevals, den FSV, Gutenberg, den Dom und einen ICE-Bahnhof, von dem man mit ein paar Mark im Rucksack – ohne umzusteigen – in die Welt aufbrechen konnte. Wiesbaden wog dies immer mit einer aufregenden, amerikanisch angehauchten Nachtclubszene und tollen Geschichten wie z. B. dem „Spieler“ von Dostojewski oder dem „Agenten“ von Hanns-Josef Ortheil auf. Beide Städte sind Hauptstädte eines Bundeslandes, dennoch keine echten Großstädte, mit zusammen nicht einmal einer halben Million Einwohnern. Sie sind „Tore“ zu weltbekannten Weinlagen, Rheinhessen und dem Rheingau, und warten mit tollen Kulinarik- und Musik-Festivals, Messen und urgemütlichen Volksfesten auf. 

Mittlerweile hat sich auch das Bild beider Städte gründlich gewandelt. Mainz ist schon lange nicht mehr das häßliche Entlein auf der falschen Seite des Stromes und Wiesbaden nicht mehr nur Hort alten Geldadels und neureicher Emporkömmlinge. Hedonismus und Gemeinsinn schließen sich schon lange nicht mehr aus. Der Rhein als natürliche Grenze zwischen beiden Schmelztiegeln ist fast eine Art rheinhessische San-Andreas-Spalte. So gibt es immer wieder kleinere „kulturelle Beben“ in diesem Spannungsfeld, wie die alljährlichen Sommer-SWR-Konzerte an der Nordmole/ Zollhafen, das Open Ohr Festival, das Rheingau-Musik-Festival, das exground filmfest, die see-Conference. 

Auf jeden Fall Gründe genug, von Zeit zu Zeit mal wieder genauer hinzuschauen.

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