Jakob Kirchmayr

Jakob Kirchmayr

Der Geschmack von Erde ist nirgendwo gleich

„Längs der Grenze des Seins“ lautet eine Textzeile, die der in Wien lebende Künstler Jakob Kirchmayr in eines seiner Bilder geschrieben hat. Sie stammt aus dem Gedicht „Die Steine“ des schwedischen Dichters und Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer. Zu sehen sind Eiskrusten, gefrorener dunkler Boden, gelber Himmel, von dem es Steine regnet.

Kirchmayr arbeitete vor wenigen Jahren noch stark figurativ, stellte Menschen ins Zentrum seiner Bilder, deren Innerstes er nach außen kehrte, ihnen verzerrte Gesichte oder entrückte Posen gab. Mittlerweile hat er sowohl das Figurative als auch die geschlossenen Räume verlassen und beschäftigt sich mit abstrakten Landschaften und Räumen, die ebenso wieder für innere Atmosphären und kollektive Erinnerungen stehen. Aus seinem urbanen Schaffensraum heraus findet er diese Landschaften in seiner Erinnerung oder er destilliert sie aus den Werken von Lyrikerinnen und Lyrikern.

Neben Tomas Tranströmer sind das etwa die polnische Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska und der griechische Dichter Jannis Ritsos. Dessen Dichtungen lösen bei Kirchmayr Erinnerungen an glückliche Zeiten als Kind auf Reisen aus, in denen die Familie dort in einfachen Verhältnissen lebte und beseelt von einem anderen Weltbild war. Aus der Perspektive des erwachsenen Künstlers handelt es sich dabei um zeitgeschichtliche Beobachtungen der Verschiebung von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen, die Griechenland vor kurzem noch in den Fokus des weltwirtschaftlichen und politischen Geschehens rückten.

Jannis Ritsos wiederum erlebte ein gänzlich anderes Griechenland, als linker Avantgardist und Pazifist, als Chronist des Widerstands während der nationalsozialistischen Okkupation oder als Verfolgter in der Militärdiktatur der Junta-Zeit. Aus der Synthese des selbst Erlebten und des durch Ritsos’ Dichtung Erfahrenen und Übertragenen ergeben sich bei Kirchmayr abstrakte Landschaften, in denen sich das gesamte Zeitgeschehen abspielt, von den blutigen Kämpfen bis zu den friedlichen Urlauben: rote Erde, trockene Äste, lichtblaue Horizonte. Die Landschaft speichert und sie überdauert.

Die Maltücher aus Baumwolle spannt der Künstler in keinen Rahmen. Gewaschen und ungeglättet, teilweise die lose davonhängenden Fäden gerafft, wirken sie nach dem Farbauftrag stellenweise wie Reliefkarten. So verwandelt sich etwa eine in mehreren Mal- und Zeichnungsschichten aufgebaute Landschaft mit schwarzen und blauen Flächen in einen Gebirgszug des Nordens. Die zweidimensionalen Ebenen treten aus ihrer Oberfläche hervor, die Malereien bekommen skulpturalen Charakter.

Ähnlich verhält es sich mit den Papierarbeiten, die sich in der Bearbeitung wellen, biegsam werden und allmählich zu räumlichen Gegenständen aushärten. Diese Arbeiten entledigen sich der üblichen Grenzen der Präsentation, sie öffnen den Blick auf ein Feld, das sich weit über den Bildrand hinaus erstreckt, weiter, als das Abgebildete zunächst vorgibt. Dabei sind die Fluchtlinien so angelegt, dass sie aus den Bildträgern hinausstreben.

Wie Wisława Szymborskas Gedichte, die oft scheinbar unmittelbar aus dem Alltag gegriffen wirken, jedoch philosophische Fragestellungen oder eine größere historische Dimension und die eigenen Lebenserfahrungen in der Sowjetunion und der postkommunistischen Zeit mit einfließen lassen, lesen sich Kirchmayrs Arbeiten als mehrdeutige Kompositionen.

In der Beschäftigung mit Jannis Ritsos, Wisława Szymborska und Tomas Tranströmer spannt Kirchmayr einen weiten inhaltlichen Bogen vom Süden zum Norden. Er nutzt die Landschaft nicht nur als Metapher und Projektionsfläche für individuelle Erfahrungen, er schafft mit seinen unterschiedlichen Topografien vielmehr Bilder des kollektiven Gedächtnisses, durchdrungen von menschlichem Handeln, welche für die Betrachtenden als Auslöser funktionieren. Und den Geschmack dieser unterschiedlichen Erden spüren lassen.

Erwin Uhrmann