Stadtschrift

Stadtschrift

Rettet die Buchstaben!

„The Outside of the Buildings is the Inside of the City.“ Die Stadt- und Architekturkritikerin Jane Jacobs fasste damit in einem Satz zusammen, wie groß der Einfluss von Geschäftsportalen und -beschriftungen auf die Identität unserer Stadt ist. Durch Strukturwandel, technologischen Fortschritt und Generationswechsel bei Traditionsbetrieben verschwindet allmählich von den Wänden, was die typografische DNA, die „Handschrift“ der Stadt ausmacht. Wir können diesen Prozess natürlich nicht aufhalten. Was wir als StadtliebhaberInnen, die Wien als Ort mit Geschichte und Charakter erleben, aber tun können ist, zu verhindern, dass dieses Kulturerbe auf dem Müll landet und für immer verloren geht.

Vor rund zehn Jahren haben wir, Birgit Ecker und Roland Hörrmann, begonnen, typografisch herausragende Geschäftsportale fotografisch zu dokumentieren. Als wir bemerkt haben, dass eine Beschleunigung einsetzt und Beschriftungen, die wir gestern noch fotografiert haben, plötzlich verschwunden waren, haben wir 2012 beschlossen, als Verein Stadtschrift systematischer an die Sache heranzugehen. Über Hausverwaltungen und HauseigentümerInnen haben wir angefangen, uns aktiv um die Bewahrung der Geschäftsaufschriften zu bemühen. Mit Erfolg, denn nach unzähligen Rettungsaktionen war unser erstes Kellerlager bald voll.

Ein volles Lager war aber nie der Zweck unseres Vereins, vielmehr wollten wir die Schriftobjekte für die Öffentlichkeit sichtbar halten. Bei einer ersten temporären Ausstellung hat sich gezeigt, das bestimmte Geschäfte und deren Beschriftungen richtige Grätzlwahrzeichen waren. An einem Schriftzug hängt oft eine Vielzahl an Erinnerungen und persönlichen Geschichten von GeschäftsbesitzerInnen, KundInnen und PassantInnen. Das ist es, was uns neben der materiellen, also typografischen und handwerklichen Qualität so fasziniert.

2014 konnten wir dann endlich unsere Idee realisieren, eine öffentlich sichtbare Feuermauer mit Beschriftungen zu bespielen. Damit waren die Schriftzüge wieder dorthin zurückgekehrt, wofür sie gemacht sind: für das Blickfeld der PassantInnen auf der Straße. Während diese Ausstellung 2018 einer Baustelle weichen musste, folgte eine zweite permanente „Mauerschau“ im 6. Bezirk. Im Frühjahr 2020 werden wir im 2. Bezirk einen weiteren Standort unseres dezentralen typografischen Museums im öffentlichen Raum eröffnen.

In unserem Schauraum im 6. Bezirk kann man zwölf kleinere Objekte aus nächster Nähe sehen und sich einen Überblick über handwerkliche Details der verschiedenen Bauarten, gestalterische Qualitäten und typografische Moden verschaffen. Bei einigen Objekten, zu denen wir noch sehr wenig Hintergrundwissen haben, freuen wir uns über jede zusätzliche Information. Die Geschichten hinter den Schriftzügen, die wir im Gespräch mit StadtbewohnerInnen freilegen, sind immer Antrieb unserer Arbeit und befeuern ein Gefühl – eine Liebe zur Stadt und ihrem Wandel.


Fotos: Klaus Pichler und Karyn Laudisi