Stiftung Buchkunst stellt vor

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»Die Schönsten Deutschen Bücher 2019« | August 2020


Hinaus in die Wildnis zu ziehen – oder wie in diesem Fall in die Tiefen des Waldes, um sich selbst besser kennenzulernen und seinen Horizont zu erweitern, ist spätestens seit Henry David Thoreau ein beliebtes literarisches Sujet. In diesem Fall noch bereichert durch den Fakt, dass der Protagonist ein angehender Vater ist, welcher sich dieser Aufgabe noch nicht gewachsen sieht. So spannt Finn-Ole Heinrich eine Selbstfindungsgeschichte auf, welche von den witzigen wie lehrreichen Illustrationen Rán Flygenrings begleitet wird. Ein Buch, welches die Frage aufwirft, was ein Kinderbuch eigentlich auszeichnet, denn dieses Buch nur für Kinder zu empfehlen, würde ihm nicht gerecht werden.

Finn-Ole Heinrich
Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes. Reuberroman
mairisch Verlag, Hamburg 2018
Gestaltung: Rán Flygenring, Carolin Rauen
Illustration: Rán Flygenring
Herstellung: Daniel Beskos, mairisch Verlag

Eine unheimliche Gestalt huscht über den Einband, festgehalten in einem handskizzierten Schnappschuss. Es handelt sich um den »Reuber« – mit »eu« –, der im dunkelgrünen Hintergrund zwischen der saftig grünen Zeichnung ein Abenteuer verspricht: Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes. Dieser Titel, handgelettert, drückt sich als Prägung in die enorm dicke Einbandpappe ein. Und im Gegensatz zur Reise zum Mittelpunkt der Erde klingt das doch einigermaßen realistisch. Zur Einstimmung zeigen Vorsatz und Nachsatz detailliert gezeichnete Panoramen der Landschaft, in denen man sofort mit dem Finger auf Entdeckungstour nach dem »Reuber« geht.

Die Geschichte selbst liest man in einer angenehm gesetzten und platzierten Schrift, auf mattem Papier, in einem relativ breiten Seitenformat. Die Doppelseite atmet durch eine ungewöhnliche Stelle – nämlich durch die besonders breiten Bundstege. Der Ich-Erzählung sind viele Bilder beigegeben; sie illustrieren nicht einfach nur den Text, sondern sie bilden mit eigenständigem Bildwitz eine Begleitspur. Ironische, aber gleichermaßen brauchbare Survivaltipps wechseln ab mit Spannungsbildern, das alles zweifarbig schwarz und moosgrün angelegt.

Allein beim Durchblättern ergreift einen die Sehnsucht nach dem Wald. Man fühlt sich eher motiviert als durch die wirklich gruselige Gestalt abgeschreckt – vielleicht auch durch die orthografische Besonderheit des ominösen »Reubers«, die dessen ernsthafte Gefährlichkeit bezweifeln lässt. Aber eins ist klar: »Im Wald hat einer immer recht, und Du bist es nicht.«


Fotos: © SCHMOTT, www.schmott.co

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