Stiftung Buchkunst stellt vor

Stiftung Buchkunst stellt vor

»Die Schönsten Deutschen Bücher 2020« | Oktober 2020

Der mit 10.000 Euro dotierte »Preis der Stiftung Buchkunst« ging am 4. September 2020 an das Buch »Das Jahr 1990 freilegen«. Das von Spector Books-Verleger Jan Wenzel herausgegebene Werk entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Grafiker Wolfgang Schwärzler.

Bisher zum Teil unveröffentlichte, überwiegend in Schwarz-Weiß gehaltene Bildstrecken von Fotograf:innen wie Ute Mahler, Andreas Rost und Christiane Eisler machen das von großen Erwartungen und erster Ernüchterung geprägte Jahr lebendig. Begleitet werden die Bilddokumente von essayistischen Texten, Sitzungsprotokollen, Briefen und Gesprächen sowie 32 Geschichten aus der Feder von Alexander Kluge, die mit einem alternativen Geschichtsentwurf kontrastieren.


Martin Gross, Alexander Kluge u.a.
Jan Wenzel, Anne König, Andreas Rost u.a. (Hg.)
Das Jahr 1990 freilegen
Spector Books, Leipzig 2019
Mit Fotografien von Christian Borchert, Christiane Eisler, Gerhard Gäbler, Silke Geister, Anselm Graubner, Martin Jehnichen, Harald Kirschner, Ute Mahler, Tomki Němec, Jens Rötzsch, Andreas Rost, Einar Schleef, Michael Schmidt, Gundula Schulze-Eldowy, Martin Zitzlaff u.a.
Gestaltung: Wolfgang Schwärzler

Sprachlosigkeit, keine einzige Zeile auf der vorderen Umschlagseite des Wälzers, den man so nennen darf, schließlich geht es um das im wörtlichen Sinne umwälzende Vereinigungsjahr beider deutscher Staaten. Stattdessen dienen hier zwei Bilder als Metapher für das ganze Werk. Sechs Personen, aus der Froschperspektive betrachtet, schauen bekümmert und stumm in verschiedene Richtungen.

»Ein Blick in den Abgrund der Freiheit«, heißt es irgendwo drinnen im Buch. Darunter eine Straßenflucht, in deren Mitte sich die Schollen des aufgebrochenen Bodenbelages ineinanderschieben. Im Buch findet sich ein Foto mit den sortierten Relikten einer antiken Vase. Die Zeile dazu lautet: »Die Scherben nach der Reinigung, vor der Montage«. Auf 592 Seiten werden Fundstücke ausgebreitet und sortiert: aufwendig recherchiertes Fotomaterial, zumeist in Schwarz-Weiß; Zitate, Aufsätze, Interviews im Stil der neutralsten Schriften des letzten Jahrhunderts.

Die Schriftgrade variieren im zwei- und gleichzeitig dreispaltigen Satzspiegel. Einzelne Sätze wirken wie Zwischenüberschriften, einzelne Wörter wie Schlagzeilen. Einer Zeitungsseite ähnlich werden die Text-Bild-Verschachtelungen mit fetten Linien verfugt. Man darf an Trauerränder denken, fühlten sich doch Millionen von Biografien samt Staat schleichend zu Grabe getragen. Mehr noch erscheinen die Buchseiten als Setzkästen präpariert, aus denen sich neue Chroniken drucken ließen: diejenigen, die bisher noch keinen Eingang ins kollektive Gedächtnis gefunden haben. Mit diesem Buch befinden wir uns »Im Bergwerk der Erinnerungen«.


Fotos: © CHOREO, choreo.info


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