Stiftung Buchkunst stellt vor

Stiftung Buchkunst stellt vor

»Die Schönsten Deutschen Bücher 2020« | Juni 2021


Am 22. Mai hat in Venedig die 17. Architekturbiennale begonnen. Wer sich für Architektur interessiert, aber dieses Jahr nicht mehr nach Venedig kommt, kann mit dem Buch „In Stalins Reich“ stattdessen einen Ausflug in internationale Architekturgeschichte machen. Jürg Düblin beleuchtet hier die Moskauer Schaffensphase des Architekten und Städteplaners Hans Schmidt (1893–1972). Dieser absolvierte eine beeindruckende Karriere, die ihn von 1930 bis 1937 in die Sowjetunion führte. Dort war er vornehmlich als Städteplaner tätig. Eine detaillierte Vorstellung seiner sowjetischen Bauten wird von einer ebenso imposanten Präsentation begleitet, die durch eine stringente grafische Ausgestaltung einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Jürg Düblin
In Stalins Reich

Die Moskauer Jahre des Architekten und Städteplaners Hans Schmidt 1930 – 1937

Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich

Gestaltung: Beat Keusch, Anna Klokow/BKVK, Basel

Herstellung: Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich

Der als Steifbroschur ausgebildete Einband besticht durch gestalterische Strenge und präzise technische Fertigung. Starke Kontraste eröffnen einen weiten Assoziationsraum: Ein kompakter Titelblock in fetter, breiter Groteskschrift nimmt die obere Hälfte des rot grundierten Hintergrundes ein, schwarze und dunkelrote Folienprägung auf samtmattem Untergrund reizt das Spiel mit Glanzintensitäten aus.

Das ist mehr als nur eine Andeutung auf den entschlossenen Gestus, der die Durchgestaltung regiert. Die Schriftmischung – eine plastische, aber sachliche Serifentype neben besagter Groteskschrift – spielt auf die Typografie der Avantgarde an. Der Satzspiegel, oben und vorn extrem an die Seitenränder gesetzt, wirkt tektonisch, zumal die Fußnotenblöcke ohne Leerzeile an der Kolumne sitzen – dafür aber deutlich im Schriftgrad verringert und sehr weit eingezogen, so weit wie die generellen Absatzeinzüge. Als Folge davon springen interessante Weißräume vor und zurück. Darauf antworten die Freiflächen der Bildseiten auf gleiche Weise, denn in dasselbe Grundgerüst werden die Reproduktionen eingehängt. Sie erreichen durch das frequenzmodulierte Raster die Qualität von Faksimiles.

Liegt die erstaunliche Frische in diesem Buch von heute etwa an der Zeitlosigkeit der klassischen Moderne? Oder an der Fähigkeit guter Gestaltung – über ihre Funktion hinaus, einer visuellen Sprache gleich – Bedeutung mit Formen auszudrücken?


Fotos: © CHOREO, choreo.info


>> Zur Stiftung Buchkunst bei LUST AUF GUT