Stiftung Buchkunst stellt vor

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»Die Schönsten Deutschen Bücher 2020« | September 2021


Ein Cover mit Wellen, wie frisch aufgemalt, sieht direkt nach Urlaubslektüre aus. Tatsächlich spielt „Miroloi“ auf einer (imaginären und trotzdem allgegenwärtigen) Insel, ist aber kein Wohlfühlbuch. Vielmehr ist die Geschichte um eine junge Frau anklagend, feministisch, politisch und auch oft beklemmend. Karen Köhler hat in ihrem Roman eine eigene Welt geschaffen – eine Welt, in der für Gleichberechtigung und Freiheit hart gekämpft werden muss. Auf die Strophenform und die eindringliche Sprache muss man sich einlassen können und wollen, die Sicht der Protagonistin ist sehr besonders, insgesamt erwartet Sie ein inhaltlich wie gestalterisch außergewöhnliches Werk.

Karen Köhler
Miroloi
Carl Hanser Verlag, München
Gestaltung: Iris Kochinka, Stefanie Schelleis / Carl Hanser Verlag, München
Einbandgestaltung: Karen Köhler, Hamburg; Peter-Andreas Hassiepen / Carl Hanser Verlag, München
Herstellung: Iris Kochinka / Carl Hanser Verlag, München



Miroloi – Totenlied. Die Geschichte einer jungen Frau in 128 Strophen, die als Findelkind in eine archaische Dorfgesellschaft gerät.

Der bibliophile Bucheinband ist ein Mysterium: Aquarellierte Verläufe eines geheimnisvollen, tiefen Tintenblaus changieren zwischen den Schaumkanten horizontaler Meereswellen. Die fast schwarzen Lettern des Romantitels wären schwer zu lesen, hätten sie nicht jene Plastizität, die sie durch die scharfen Licht- und Schattenkanten ihrer starken Prägung gewinnen – eine haptische Betonung des ohnehin schon strukturierten, griffigen Einbandpapieres.

Entgegen deutschsprachiger Gepflogenheit weist die Leserichtung der gestürzten Rückenzeile nach unten; sie lässt sich also auch dann lesen, wenn das Buch auf dem Tisch liegt. Das tut es gerade, und der breite gerade Rücken trägt – passend zum Titel – in großen, pinselgezeichneten Großbuchstaben eigenartigerweise allein den Namen der Autorin.

Aber aha: Der auf gleiche Weise geletterte Titel „Miroloi“ ist genau gegenüber zu lesen, und zwar nicht etwa auf den Blattkanten des Vorderschnittes, sondern auf einem kräftigen Papier. Es erweckt den Anschein, als steckte eine Umschlagbroschur umgekehrt in einer Einbanddecke.

Doch nein – den Deckel einmal gelüftet, entpuppt sich der Scheinrücken als die um den Vorderschnitt herumgewickelte Verlängerung des Nachsatzpapieres.

Das ist wirklich speziell: dass ein Buch mit seinem technischen Rücken ins Regal geschoben wird und der Buchtitel dennoch zu lesen ist, nämlich auf einem – man könnte vielleicht sagen: Vorderrücken.


Fotos: © CHOREO, choreo.info


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